Sydenham, Sydney

Underground Culture, das klingt so als wäre hier der Wunsch Vater des Gedanken gewesen – oder aber es ist die tatsächliche Wahrheit. Da Stu zu den seltenen Fällen einer vollkommen ehrlichen Haut gehört, trifft zweiteres in Gänze zu, mit ihm und seiner Mitbewohnerin Celia als Hauptdarsteller und Bühnenbildner in einem wilden Kreis von Protagonisten. In der Unwins Bridge Road in Sydenham driftet man von Sydney in ein Paralleluniversum. Hier ist jeder für immer willkommen, bis zum letzten Haps wird geteilt, es herrscht kein Stress sondern gesunde Geschwindigkeit, im Mittelpunkt steht die Musik. In der Küche stehen Set und Instrumente von zwei bis drei Bands allzeit bereit, hier wird geprobt, gejamt und vor vollem Haus gespielt. Da der Ruhepol des gesamten Freundeskreises in dieser Küche, Wohnung und Garten liegt, kommt man hierher anstatt weg- oder auszugehen. Rock, Rockabilly, Singer-Songwriter, Indie und vereinzelte Digeridoos duellieren sich freundschaftlich. Dem anderen Sydney bleibt da nur das Grüßen aus der Luft. Ein paar Meter weiter liegt der Flughafen, die Einflugschneise befindet sich greifbar über Kopf. Dafür gabs vom Staat doppelglasige Fenster und ringsherum eine hohe Lärmbelastbarkeit der Nachbarn. Wenn mitten im Dunkel ein silbern leuchtendes Ungetüm dicht über eine Ansammlung feiernder Lederjacken, Netzstrümpfe, Leopardenprints und Transvestitenlatex rauscht und für Sekunden im Garten kein Wort gewechselt werden kann und sich geschminkte, gegelte oder fettige Köpfe langsam andächtig von rechts nach links drehen, erwartet man eigentlich David Lynch hinter einer großen Schwenkarm-Kamera.

Stu hat einen festen Job, sammelt mit einem Kumpel per Truck Altpapier, einen Tag in der Woche. Er könnte sich auch viele andere Jobs gut vorstellen – einmal pro Woche. Ansonsten wird hier gebastelt und dort geschraubt. Weniger Arbeit bedeutet weniger Luxus, aber mehr Zeit in der Küche, mit Büchern, Filmen, Freunden und Reisenden. Celia ist mehrfach Frontfrau, Künstlerin und bemalt naturgetreu von Montag bis Freitag Dinosaurier für Film und Fernsehen – ihr gefällt jeder Tag. Wir sind schnell die guten Freunde aus Germany und haben zum ersten Mal das durchdringende Gefühl noch eine ganze Ecke länger bleiben zu wollen.
Denn auch Sydney ist richtig schön. Das Wasser vor der Tür ist spürbar, GoGreen hält Einzug und die Suburbs haben einen guten Charme, ein nettes Café folgt dem anderen. Die Asiaten mischen die britischen Settler gut auf, leckeres Essen an jeder Ecke. Der Nahverkehr erscheint etwas schleichend und dafür recht teuer, ein Rad macht bedeutend mehr Sinn. Allein die unzähligen austrainierten Jogger verstören, es scheint fast sie würden fieberhaft den Landweg zum Rest der Welt suchen.